Bosch Hub Line: Der erste Nabenmotor von Bosch – alles, was du wissen musst
Bosch war jahrelang der unangefochtene Marktführer bei E-Bike-Mittelmotoren. Was fehlte, war ein Nabenmotor. Das ändert sich jetzt: Mit der Hub Line stellt Bosch seinen allerersten Hinterradnabenmotor vor – leicht, kompakt und darauf ausgelegt, im Fahrrad nahezu unsichtbar zu verschwinden.

Es ist ein ungewöhnlicher Schritt für ein Unternehmen, das seinen Ruf über Jahrzehnte mit einer einzigen Motorklasse aufgebaut hat. Bosch eBike Systems, Marktführer bei Mittelmotoren für E-Bikes, betritt mit der Hub Line völlig neues Terrain. Am 18. Juni 2026 wurde der Motor in Hamburg vorgestellt – und damit gleichzeitig eine klare Botschaft an den Markt gesendet: Der urbane Leicht-E-Bike-Markt ist Bosch nicht egal.
Was ist die Bosch Hub Line?
Die Hub Line ist ein Hinterradnabenmotor – das heißt, der Elektromotor sitzt nicht wie bei Boschs bisherigen Modellen am Tretlager, sondern vollständig in der Nabe des Hinterrades. Ein grundlegend anderes Konstruktionsprinzip mit klaren Konsequenzen für Design, Gewicht und Einsatzgebiet.
Claus Fleischer, Geschäftsführer von Bosch eBike Systems, brachte das Entwicklungsziel auf den Punkt: Der Antrieb soll sich nahezu unsichtbar in das Fahrrad integrieren. Und das ist der Hub Line tatsächlich gelungen. Mit einem Durchmesser von nur rund 100 Millimetern verschwindet der Motor unauffällig zwischen Bremsscheibe und Kassette. Von außen ist kaum zu erkennen, dass das Rad motorisiert ist.
Die technischen Daten im Detail
Motortyp: Hinterradnabenmotor Gewicht: rund 2,3 Kilogramm Durchmesser: rund 100 Millimeter Maximales Drehmoment: 45 Newtonmeter Spitzenleistung: 400 Watt Nenndauerleistung: 250 Watt (EU-Norm) Unterstützungsgrenze: 25 km/h Entkopplung: vollständig ab 25 km/h Sensorik: Bewegungssensor am Tretlager, Geschwindigkeits- und Beschleunigungssensor
Ein wichtiges Detail zur Sensorik: Die Hub Line arbeitet nicht mit einem Drehmomentsensor wie die meisten Bosch-Mittelmotoren, sondern mit einem Bewegungssensor am Tretlager. In der Praxis bedeutet das: Die Unterstützung reagiert auf die Tretbewegung, nicht auf den Kraftaufwand. Erste Fahrberichte zeigen, dass das System trotzdem überraschend feinfühlig reagiert – besonders beim Anfahren und im Stop-and-go-Verkehr.
Oberhalb der 25-km/h-Marke entkoppelt der Motor vollständig vom Antriebsstrang. Das Rad rollt dann ohne spürbaren Motorwiderstand weiter – ein entscheidender Unterschied zu günstigeren Nabenmotoren, bei denen das Bremsgefühl über 25 km/h das Fahren mühsam macht.
Fahreindruck aus ersten Tests
Mehrere Fachmedien hatten die Möglichkeit, die Hub Line bereits vor der Presseveranstaltung zu testen. Das Urteil ist bemerkenswert einheitlich.
Das Nimms-Rad-Redaktionsteam beschreibt die Unterstützung als spritzig und für die Stadt mehr als ausreichend. Der Auto-Modus funktioniere in der Ebene und bei leichten Steigungen sehr gut. Der Turbo-Modus sei im normalen Stadteinsatz kaum notwendig, der Eco-Modus hingegen sehr zurückhaltend – geeignet vor allem, wenn die letzte Akkureserve für die Heimfahrt gestreckt werden soll.
Das Velojournal ergänzt aus einem echten Fahrtest, dass die Unterstützung beim Losfahren sofort stark einsetzt und im städtischen Stop-and-go-Verkehr besonders angenehm ist. Das geringe Gesamtgewicht des Systems – Motor plus Akku bleibt unter 5 Kilogramm – sorge für ein agiles, leichtes Fahrgefühl. Einschränkung: An sehr steilen Passagen unter 10 km/h nahm die Unterstützungskraft spürbar ab. Für ein urbanes Stadtrad ist das jedoch kaum relevant.
Fahrrad.de bewertet das Geräuschniveau als angenehm leise und betont, dass der Motor im Stadtbetrieb akustisch stark im Hintergrund bleibt – was zum Gesamtkonzept eines unauffälligen Rades perfekt passt.
Der PowerTube 360: Der passende Akku zum neuen Motor
Zur Hub Line hat Bosch gleichzeitig einen neuen Akku vorgestellt: den PowerTube 360. Er ist der schmalste Akku im bisherigen Bosch-Portfolio und wurde speziell für die dezente Integration in schlanke Rahmenprofile entwickelt.
Kapazität: 360 Wattstunden Gewicht: rund 2,1 Kilogramm Durchmesser: rund 68 Millimeter Maximale Reichweite: bis zu 80 Kilometer laut Hersteller (unter optimalen Bedingungen, niedrigste Unterstützungsstufe) Lademöglichkeit: am Rad oder entnommen, je nach Herstellerlösung
Die 68 Millimeter Durchmesser ermöglichen besonders schlanke Unterrohre – Fahrraddesigner erhalten damit Freiheiten, die mit bisherigen Bosch-Akkus nicht möglich waren. Der PowerTube 360 ist außerdem mit den bestehenden größeren Akkus aus dem Bosch Smart System kombinierbar, falls Fahrzeughersteller mehr Reichweite integrieren wollen.
Das Bosch Smart System: Der wahre Unterschied zum Wettbewerb
Technisch gesehen ist ein 45-Nm-Nabenmotor keine Sensation. Mahle, Bafang, Ampler und der belgische Hersteller Cowboy setzen ebenfalls auf 45-Nm-Nabenmotoren, VanMoof sogar auf 68 Nm. Was Bosch von diesen Wettbewerbern unterscheidet, ist nicht der Motor allein – es ist das Ökosystem, in das er eingebettet ist.
Die Hub Line ist vollständig in das Bosch Smart System integriert. Das bedeutet konkret:
eBike Flow App: Fahrmodi anpassen, Navigation, Aktivitätsaufzeichnung, Display-Konfiguration, Serviceinformationen. Over-the-Air-Updates: Software-Updates kommen drahtlos direkt aufs Rad, ohne Werkstattbesuch. eBike Lock und eBike Alarm: Integrierter Diebstahlschutz über das Connect Module. eShift-Kompatibilität: Automatische Schaltung in Verbindung mit kompatiblen Schaltungssystemen. Bosch Händlernetz: Über 18.000 Bosch-zertifizierte Fahrradfachgeschäfte in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Dieser letzte Punkt ist nicht zu unterschätzen. Viele alternative Nabenmotor-Anbieter haben regional lückenhaftes Service-Netzwerk. Bosch-Nutzer finden in fast jeder Stadt einen zertifizierten Händler, der das System kennt, warten und reparieren kann.
Servicetechnisch bietet die Hub Line zudem einen praktischen Vorteil: Die Motoreinheit lässt sich über eine Steckverbindung einfach von der Stromversorgung trennen. Im Servicefall kann in der Werkstatt ausschließlich die Motoreinheit ausgetauscht werden, ohne das gesamte Laufrad anfassen zu müssen.
Schaltungslösungen: Von Singlespeed bis Zwölfgang
Da der Motor vollständig in der Hinterradnabe sitzt, ist eine klassische Nabenschaltung technisch ausgeschlossen – der Motor beansprucht den Platz im Zentrum der Nabe vollständig.
Folgende Schaltlösungen sind mit der Hub Line kompatibel:
Singlespeed mit Riemenantrieb: wartungsärmste Kombination, besonders für urbane Alltags-E-Bikes Kassettenschaltung via Shimano-HG-Aufnahme: bis zu zwölf Gänge möglich SRAM XD-Driver: zum Marktstart noch nicht verfügbar, je nach Marktnachfrage für spätere Versionen möglich Zweigangschaltbox von Universal Transmissions (UTgear H2): speziell für Singlespeed-Einsatz mit Riemenantrieb entwickelt, direkt auf die Hub Line montierbar
Die Kombination aus Hub Line und Riemenantrieb ist dabei besonders interessant: Riemen benötigen weder Öl noch regelmäßiges Schmieren, halten deutlich länger als eine Kette und laufen geräuschloser. Genau das passt zum Gesamtkonzept eines pflegeleichten Stadtrades.
Bedienung: Minimalistisch und smart
Zur Steuerung der Hub Line stehen zwei Optionen zur Verfügung:
Kompakter LED-Controller: zeigt Ladestand und Unterstützungsstufe über farbige LEDs an. Bewusst minimalistisch, kaum sichtbar am Fahrrad. Intuvia 200 Display: monochromes 2,4-Zoll-Display mit vollständiger Fahrinformation – für alle, die mehr Übersicht bevorzugen.
Der Motor bietet drei Fahrmodi: Eco für maximale Reichweite, Tour für den ausgeglichenen Alltag und Turbo für maximalen Antrieb. Im Auto-Modus passt das System die Unterstützung automatisch an Geschwindigkeit und Situation an – eine Funktion, die besonders für Einsteiger oder bequeme Alltagsnutzung interessant ist.
Erste Räder mit der Hub Line
Mehrere namhafte Hersteller haben bereits zum Marktstart Modelle mit der Hub Line angekündigt oder gezeigt:
Canyon Roadlite:ON CF: Carbon-Singlespeed mit Riemenantrieb, Ständer und Beleuchtung serienmäßig, Gewicht unter 14 Kilogramm, Preis 2.999 Euro. Eines der leichtesten vollausgestatteten E-Bikes auf dem Markt. Optisch am Aeroad-Rennrad orientiert, mit charakteristischem Knick im Oberrohr für einfaches Schultern im Treppenhaus.
Gazelle (Modellbezeichnung noch nicht offiziell): Ein entspannteres Alltagsmodell mit tiefem Einstieg, für den klassischen Stadtpendler-Einsatz ausgelegt.
Moustache: Ein komfortabler Cruiser mit der Hub Line – zeigt, dass Bosch den Motor gezielt breit positioniert, von sportlich-urban bis entspannt-gemütlich.
Nicolai: Erster Fahrradhersteller aus dem sportlichen MTB-Segment, der die Hub Line für ein urbanes Modell einsetzt.
Alle genannten Räder sind für das Modelljahr 2027 geplant. Die Hub Line selbst ist ab 2027 in Serie verfügbar.
Hub Line vs. Bosch Mittelmotor: Die ehrliche Gegenüberstellung
Die Hub Line ersetzt keinen Bosch-Mittelmotor. Sie ergänzt das Portfolio für einen klar definierten Einsatzbereich.
Mittelmotor (Performance Line, CX, etc.): Höheres Drehmoment (ab 55 bis 120 Nm) Natürlicheres Fahrgefühl durch Drehmomentsensor Kompatibel mit Nabenschaltungen Besser für Steigungen und lange Strecken Höheres Gewicht, größerer Platzbedarf am Rahmen Sichtbarer als ein Nabenmotor
Hub Line: 45 Nm Drehmoment – ausreichend für Stadtverkehr Bewegungssensor statt Drehmomentsensor Nicht mit Nabenschaltungen kombinierbar Optimiert für flaches, urbanes Terrain Leichter und kompakter, nahezu unsichtbar Deutlich dezenteres Erscheinungsbild
Für Pendler, die täglich 10 bis 25 Kilometer durch die Stadt fahren, keine ernsthaften Steigungen überwinden müssen und ein Rad suchen, das optisch nicht sofort als E-Bike erkennbar ist, ist die Hub Line die überzeugendere Wahl. Für alle anderen bleibt der Mittelmotor die richtige Entscheidung.
Marktposition: Wen setzt die Hub Line unter Druck?
Die Hub Line ist kein technischer Paukenschlag im Sinne von völlig neuer Technologie. Sie ist ein strategischer Paukenschlag. Bosch erklärt damit, dass der urbane Leicht-E-Bike-Markt – bisher fest in der Hand von Mahle, Bafang, Ampler, Cowboy und anderen – nicht kampflos anderen überlassen wird.
Der entscheidende Vorteil gegenüber diesen Anbietern: das Bosch-Ökosystem. Wer bisher einen günstigen chinesischen Nabenmotor an seinem Stadtrad hatte und nach drei Jahren Ersatzteile oder Softwareupdates suchte, stand oft vor einem Problem. Mit der Hub Line im Bosch Smart System entfällt dieses Risiko. Over-the-Air-Updates, zertifizierter Fachhandel und langfristige Ersatzteilversorgung sind Boschs stärkstes Argument.
Gleichzeitig ermöglicht es Bosch eBike Systems den Herstellern laut Velojournal, E-Bikes mit einem Motor aus deutscher Fertigung für unter 2.500 Euro anzubieten – ein Preissegment, das mit Bosch-Mittelmotoren kaum erreichbar war.
Fazit: Ein durchdachtes System für den Alltag
Die Hub Line ist genau das, was Bosch ankündigt: kein sportlicher Kraftprotz, sondern ein effizienter, leiser, dezenter Begleiter für den urbanen Alltag. Was sie besonders macht, ist nicht das, was man auf dem Datenblatt sieht, sondern das Ökosystem dahinter – Flow App, Diebstahlschutz, Over-the-Air-Updates, Händlernetz und nahtlose Smart-System-Integration.
Für Menschen, die bisher gezögert haben, weil E-Bikes zu schwer, zu klobig oder zu sichtbar motorisiert waren, könnte die Hub Line genau der Anstoß sein, den sie gebraucht haben. Ein Rad, das sich anfühlt wie ein normales Fahrrad – bis die nächste Ampel kommt.
Radmap.de wird über die ersten serienmäßigen Räder mit Hub Line berichten, sobald diese im Handel erhältlich sind.