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Canyon Roadlite:ON V2X: Das erste E-Bike, das mit Autos spricht

Ein Fahrrad, das Autos vor sich selbst warnt – bevor der Fahrer den Radfahrer überhaupt sehen kann. Was nach Zukunftsmusik klingt, hat Canyon auf der Eurobike 2026 als serienreifes Konzept vorgestellt.

Von Redaktion radmap.de13. Juli 202610 Min.Quelle · Canyon Newsroom (offizielle Pressemitteilung 22.06.2026), heise online, Cycling Weekly, New Atlas, BIKE Magazin, IAA Mobility, Statistisches Bundesamt
Canyon Roadlite:ON V2X: Das erste E-Bike, das mit Autos spricht
Image credit: Canyon

An einer unübersichtlichen Kreuzung verdeckt ein geparkter Lieferwagen die Sicht. Ein Auto biegt ab, der Radfahrer ist im toten Winkel – eine Situation, die täglich tausendfach passiert und regelmäßig tödlich endet. Kameras und Radarsensoren moderner Autos können nur erkennen, was in ihrer direkten Sichtlinie liegt. Genau hier setzt die Technologie an, die Canyon jetzt erstmals vollständig in ein Fahrrad integriert hat: Das Rad meldet seine Position selbst – per Funk, in Echtzeit, durch Wände und Hindernisse hindurch.

Was ist das Canyon Roadlite:ON V2X?

Am 22. Juni 2026 hat der Koblenzer Hersteller Canyon das Roadlite:ON V2X offiziell vorgestellt – ein Konzept-E-Bike mit integrierter Vehicle-to-Everything-Schnittstelle, das auf der Eurobike 2026 in Frankfurt erstmals öffentlich gezeigt und gefahren werden konnte. Nach Angaben von Canyon ist es das erste Mal, dass die neuesten Connectivity-Standards der Autoindustrie vollständig auf ein serienreifes E-Bike übertragen wurden.

Erprobt wurde das System mit Unterstützung der Volkswagen Group – einem der Pioniere der Car2X-Technologie im Automobilbereich. Für Entwicklung und Validierung kam unter anderem die professionelle Car2X-Testumgebung CANoe.Car2x von Vector zum Einsatz, die auch in der Autoindustrie zur Simulation und Analyse von V2X-Kommunikation genutzt wird.

Die technische Basis ist bewusst alltagstauglich gewählt: ein Roadlite:ON mit Carbonrahmen, Riemenantrieb und dem neuen Bosch Hub Line Nabenmotor. Der Bosch-Akku versorgt sowohl den Antrieb als auch die Kommunikationshardware – mit ausreichender Energiereserve für die V2X-Funktionen, selbst wenn die Motorunterstützung wegen niedrigen Ladestands bereits eingeschränkt ist.

Wie funktioniert die V2X-Technologie am Fahrrad?

V2X steht für Vehicle-to-Everything – die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und allem anderen: anderen Fahrzeugen, Verkehrsinfrastruktur, Fußgängern oder eben Radfahrern. Die EU-Kommission verwendet dafür den Begriff Cooperative Intelligent Transport Systems (C-ITS).

Die Hardware im Detail

Das Herzstück des Systems ist ein kompaktes V2X-Nano-Board des Herstellers Nfiniity, das im Unterrohr des Rahmens verbaut ist. Im Steuerrohr sitzt eine kombinierte V2X- und GPS-Antenne. Diese Hardware sendet kontinuierlich Position, Geschwindigkeit und Bewegungsdaten des Fahrrads an andere Verkehrsteilnehmer und kompatible Infrastruktur – per direkter Funkverbindung, ohne Umweg über eine Cloud.

Der entscheidende Unterschied zu Kameras und Radar: V2X funktioniert ohne Sichtverbindung. Ein vernetztes Auto erkennt den Radfahrer auch dann, wenn dieser hinter einem Gebäude, einem geparkten Lieferwagen oder einer Kurve verborgen ist – und zwar Sekunden bevor er ins Sichtfeld kommt. Genau diese Sekunden entscheiden im Straßenverkehr über Leben und Tod.

Die drei Anwendungsfälle

Canyon hat das Roadlite:ON V2X um drei konkrete Einsatzszenarien herum entwickelt:

Fahrerwarnung (Driver Alerts): Das Fahrrad meldet seine Position an vernetzte Autos in der Umgebung. Auf dem Display des Autos erscheint eine Warnung, dass sich ein Radfahrer nähert – auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist. In Deutschland gehört die Car2X-Technologie beim Volkswagen ID.7 bereits zur Serienausstattung und ist beim Golf sowie dem neuen elektrischen ID. Polo als Option erhältlich.

Radfahrerwarnung (Rider Alerts): Die Kommunikation läuft in beide Richtungen. Nähert sich ein vernetztes Fahrzeug aus einer nicht einsehbaren Richtung, warnt das E-Bike seinen Fahrer über Vibrationen im linken oder rechten Lenkergriff – je nachdem, aus welcher Richtung die Gefahr kommt. Zusätzlich können visuelle Informationen auf verbundenen Geräten wie Smartphone, Smartwatch oder Fahrradcomputer angezeigt werden.

Kommunikation mit intelligenter Infrastruktur: Das Rad kann mit vernetzten Ampeln und Verkehrsanlagen kommunizieren. Canyon nennt als Beispiel fahrradspezifische grüne Wellen an Ampeln – die Ampelanlage erkennt den herannahenden Radfahrer und schaltet passend. Solche Infrastrukturprojekte werden bereits in mehreren europäischen Städten getestet, darunter Darmstadt in Deutschland sowie Städte in Spanien und den Niederlanden.

Warum gerade jetzt? Die Statistik dahinter

Der Zeitpunkt der Vorstellung ist kein Zufall – und Canyon untermauert ihn mit offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamts, die eine wachsende Schieflage in der Verkehrssicherheit dokumentieren.

In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten Autoinsassen in Deutschland um 35 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum ist die Zahl der getöteten Radfahrer um 20 Prozent gestiegen. Im Jahr 2025 war jeder sechste Verkehrstote in Deutschland ein Radfahrer – konkret 16,4 Prozent.

Die Erklärung liegt auf der Hand: Autos wurden durch Assistenzsysteme, Notbremsfunktionen und Totwinkelwarner immer sicherer – für ihre Insassen. Fahrräder blieben von diesem Sicherheits-Ökosystem weitgehend ausgeschlossen. In manchen Ländern sind Sicherheitsbedenken inzwischen der wichtigste Grund, warum sich Menschen gegen das Fahrrad und für das Auto entscheiden.

Victor Casas Melo, Entwicklungsingenieur bei Canyon, bringt die Philosophie hinter dem Projekt auf den Punkt: Mobilität ist nur so sicher wie der verwundbarste Verkehrsteilnehmende. Mit dem Roadlite:ON V2X habe man die V2X-Technologie aus der Perspektive des Fahrrads erforscht – mit den Herausforderungen hoher Positionsgenauigkeit, zuverlässiger Kommunikation und Komponenten, die klein genug für einen Fahrradrahmen sind. Mit dieser Technologie, so Casas Melo, bekommen Fahrräder eine Stimme.

Das Henne-Ei-Problem: Die größte Hürde ist nicht die Technik

So überzeugend das Konzept klingt – die größte Herausforderung ist nicht die Hardware, sondern die Verbreitung. V2X entfaltet seinen Nutzen erst, wenn genügend Fahrzeuge, Fahrräder und Infrastruktur dieselbe Sprache sprechen.

Aktuell fahren nach Canyon-Angaben bereits rund zwei bis drei Millionen V2X-fähige Autos auf europäischen Straßen, davon allein mehr als zwei Millionen VW-Fahrzeuge in Deutschland. Zu den Vorreitern der Technologie zählen neben der Volkswagen Group auch Toyota, Ford, BMW, Mercedes-Benz, Hyundai und Kia.

Doch es bleibt ein klassisches Henne-Ei-Problem: Solange nur wenige Fahrräder mit V2X-Funktechnik unterwegs sind, haben Autohersteller wenig Anreiz, spezielle Schutzfunktionen für Radfahrer zu priorisieren. Und solange Autos diese Funktionen nicht priorisieren, fällt es Fahrradherstellern schwer, die Zusatzkosten der Technologie zu rechtfertigen.

Genau deshalb versteht Canyon das Roadlite:ON V2X ausdrücklich als Technologie-Demonstrator und als Einladung an die gesamte Branche – an Fahrradhersteller, Automobilkonzerne, Infrastrukturbetreiber und Stadtplaner gleichermaßen. Unterstützt wird dieser Ansatz von der Coalition for Cyclist Safety, einem wachsenden branchenübergreifenden Verband, der sich für die weltweite Verbreitung der V2X-Technologie einsetzt.

Teil einer größeren Sicherheitsoffensive von Canyon

Das V2X-Bike steht nicht allein. Canyon hat auf der Eurobike 2026 ein ganzes Technologiepaket für mehr Radfahrsicherheit vorgestellt, das den Übergang von reaktiver zu prädiktiver und vernetzter Sicherheit markieren soll.

Dazu gehört das Canyon Predict Bike – ein Rennrad-Konzept mit lokal arbeitender künstlicher Intelligenz, das über Kameras und Radarsensoren Gefahrensituationen frühzeitig erkennt. Funktionen wie Prediction Assist, Distance Assist, Terrain Assist und Group Ride Assist bewerten potenzielle Gefahren in Echtzeit. Die Datenverarbeitung erfolgt vollständig lokal auf dem Fahrrad, ohne Cloud-Anbindung – das garantiert kurze Reaktionszeiten und hohen Datenschutz.

Ergänzt wird das Paket durch den Stingr Smart-Helm mit integriertem Head-up-Display, das Fahrinformationen direkt ins Sichtfeld projiziert, ohne den Blick von der Straße zu lenken.

Wann kommt das V2X-Bike in den Handel?

Einen Verkaufspreis, ein Marktdatum oder einen bestätigten Produktionsplan hat Canyon bislang nicht genannt. Das Unternehmen betont jedoch, dass das System im Kern serienreif ist – gegenüber dem Fachmagazin heise wurde ein Markteintritt im kommenden Jahr als denkbar bezeichnet.

Realistisch betrachtet wird ein V2X-E-Bike seinen größten Nutzen zunächst in Pilotstädten, Flotten und Märkten entfalten, in denen kompatible Fahrzeuge und Infrastruktur bereits getestet werden. Für den einzelnen Käufer gilt: Die Technik ist da – jetzt muss das Ökosystem wachsen.

Was bedeutet das für die Zukunft der urbanen Mobilität?

Das Roadlite:ON V2X markiert einen konzeptionellen Wendepunkt. Bisherige Fahrradsicherheit war lokal: bessere Bremsen, hellere Lichter, Radar-Rücklichter, Helme. All das schützt – aber nur im direkten Umfeld des Rades und nur bei Sichtkontakt.

V2X macht das Fahrrad erstmals zu einem gleichberechtigten Teilnehmer im digitalen Verkehrsnetz – demselben Warnsystem, das Autos und Infrastruktur bereits nutzen. Das ist besonders dort relevant, wo menschliche Wahrnehmung systematisch versagt: an unübersichtlichen Kreuzungen, bei verdeckter Sicht, in der Dämmerung, im dichten Stadtverkehr.

Ersetzen wird die Technologie vorausschauendes Fahren nie. Aber sie fügt eine Schutzebene genau dort hinzu, wo Sekundenbruchteile über den Ausgang einer Begegnung zwischen zwei Tonnen Auto und einem Menschen auf dem Rad entscheiden. Wenn Städte, Autohersteller und die Fahrradbranche mitziehen, könnte die Vision vom Fahrrad mit eigener Stimme im Verkehr schneller Realität werden, als viele heute glauben.

FAQ: Die wichtigsten Fragen zum Canyon Roadlite:ON V2X

Was bedeutet V2X? V2X steht für Vehicle-to-Everything – eine Funktechnologie, die Fahrzeugen den direkten Echtzeitaustausch von Position, Geschwindigkeit und Fahrtrichtung ermöglicht: untereinander, mit Ampeln und Verkehrsinfrastruktur sowie mit Fußgängern und Radfahrern. Die EU-Kommission bezeichnet das Konzept als Cooperative Intelligent Transport Systems (C-ITS).

Wie warnt das E-Bike seinen Fahrer vor Gefahren? Über Vibrationen im linken oder rechten Lenkergriff – je nach Richtung, aus der sich ein vernetztes Fahrzeug nähert. Zusätzlich können Warnungen visuell auf einem verbundenen Smartphone, einer Smartwatch oder einem Fahrradcomputer angezeigt werden.

Funktioniert das System mit jedem Auto? Nein. Es funktioniert nur mit Fahrzeugen, die selbst über V2X- beziehungsweise Car2X-Technik verfügen. In Deutschland ist Car2X beim Volkswagen ID.7 Serienausstattung und beim Golf sowie dem elektrischen ID. Polo optional erhältlich. Europaweit sind bereits rund zwei bis drei Millionen V2X-fähige Autos unterwegs.

Braucht das System eine Internetverbindung oder Cloud? Nein. Die V2X-Kommunikation läuft über direkte Funkverbindung zwischen den Verkehrsteilnehmern – ohne Umweg über Mobilfunknetz oder Cloud. Das sorgt für minimale Latenz, was bei Sicherheitswarnungen entscheidend ist.

Welche Technik steckt im Fahrrad? Ein kompaktes V2X-Nano-Board des Herstellers Nfiniity im Unterrohr sowie eine kombinierte V2X- und GPS-Antenne im Steuerrohr. Die Stromversorgung übernimmt der Bosch-Akku des E-Bikes, der auch den Hub Line Nabenmotor antreibt.

Kann ich das Roadlite:ON V2X schon kaufen? Noch nicht. Canyon bezeichnet das System als im Kern serienreif, hat aber weder Preis noch Verkaufsstart bestätigt. Ein Markteintritt im kommenden Jahr wurde gegenüber Fachmedien als denkbar bezeichnet.

Was passiert, wenn der Akku fast leer ist? Laut Canyon verfügt das System über ausreichende Energiereserven, um die V2X-Funktionen auch dann aufrechtzuerhalten, wenn die Motorunterstützung wegen niedrigen Ladestands bereits reduziert ist. Die Sicherheitsfunktion hat Vorrang vor der Antriebsunterstützung.

Gibt es das auch für normale Fahrräder ohne Motor? Das aktuelle Konzept basiert auf einem E-Bike, weil der Akku die Kommunikationshardware mit Strom versorgt. Grundsätzlich wäre die Technologie mit eigener Stromversorgung auch an anderen Rädern denkbar – konkrete Pläne dafür hat Canyon bislang nicht kommuniziert.