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Eurobike in der Krise: ZIV startet neue Fachmesse in Köln – was das für die Fahrradbranche bedeutet

Die Eurobike, Europas größte Fahrradmesse, steckt in ihrer tiefsten Krise. Während die Messe in Frankfurt ihre Neuausrichtung als reine Fachmesse ankündigt, verlassen der Zweirad-Industrie-Verband ZIV und die wichtigsten Handelsverbände Frankfurt und starten 2027 in Köln eine eigene internationale Leitmesse.

Von Redaktion radmap.de28. Juni 20269 Min.Quelle · TOUR Magazin, SAZBike, velobiz.de, MTB-News, eMTB-News, BikeX, Rennrad-News, radmarkt.de, Cycling Industry News, t-online.de
Eurobike in der Krise: ZIV startet neue Fachmesse in Köln – was das für die Fahrradbranche bedeutet
Credit Weld.de

Was sich seit Monaten als Gerücht durch die Fahrradbranche zog, ist wenige Tage vor der Eröffnung der Eurobike 2026 zur handfesten Realität geworden. Der Zweirad-Industrie-Verband ZIV und die Koelnmesse haben die Gründung einer neuen internationalen Fahrradmesse bekannt gegeben: die towards tomorrow – European Bike Show, Premiere vom 6. bis 8. September 2027 in Köln. Die Ankündigung traf die Eurobike-Veranstalter zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt – direkt zum Auftakt der 34. Eurobike in Frankfurt.

Wie es dazu kam: Die Eurobike verliert den Rückhalt der Branche

Die Eurobike hat ein strukturelles Problem. Was einst die unangefochtene Weltleitmesse der Fahrradwirtschaft war, kämpft seit Jahren mit rückläufigen Zahlen. 2025 kamen noch rund 1.500 Aussteller nach Frankfurt. Bei der diesjährigen 34. Ausgabe sind es noch rund 800 – gut halb so viele wie im Vorjahr. Rund 300 davon kommen aus China. Viele der wichtigsten internationalen Hersteller fehlen bereits seit mehreren Jahren.

Parallel dazu haben sich die Handelsverbände zunehmend distanziert. Kritik an der Ausrichtung der Messe wurde lauter: zu viele asiatische Anbieter, zu wenig Unterstützung für europäische Hersteller im Kampf gegen Produktplagiate, eine Öffnung für Fahrzeuge jenseits des Fahrrads, die viele Branchenakteure als Verwässerung des Kernthemas empfanden.

Die Eurobike versuchte gegenzusteuern. Neue Geschäftsführung, neue Konzeptanpassungen – das Joint-Venture-Unternehmen Fairnamic, das die Messe gemeinsam mit den Messen Friedrichshafen und Frankfurt betreibt, hat in den vergangenen Monaten mehrfach nachgesteuert. Doch die wichtigsten Verbände ließ das kalt.

ZIV kündigt Zusammenarbeit – und bläst zur Gegenmesse

Im Kern des Bruchs steht der Zweirad-Industrie-Verband ZIV – der zentrale Verband der deutschen Fahrradindustrie. Der ZIV hat die Zusammenarbeit mit der Eurobike formell aufgekündigt und wird von bedeutenden Mitgliedern dabei unterstützt: Bosch sowie der Shimano-Generalvertreter Paul Lange GmbH & Co. KG haben ihre Unterstützung für das neue Format signalisiert.

Hinzu kommen alle großen Handelsverbände: BICO Zweirad Marketing GmbH, ZEG Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft und der Verbund Service und Fahrrad (VSF) haben ihre Teilnahme an der neuen Kölner Messe bereits zugesagt. Georg Wagner, Geschäftsführer der BICO, kommentierte: Die enge Zusammenarbeit der Einkaufsverbände auf Augenhöhe sowie die Abstimmung mit dem ZIV stellten eine historische Chance für die Fahrradbranche dar.

ZIV-Geschäftsführer Burkhard Stork ließ sich bei der Pressekonferenz einen direkten Seitenhieb auf Frankfurt nicht nehmen: Die towards tomorrow stehe für klaren Fokus auf Fahrräder und E-Bikes und damit den Kern des Marktes. Eine Öffnung für alle möglichen Formen von Mobilität sei nicht geplant. Das Ziel sei nicht, um jeden Preis Hallen zu füllen, sondern alle relevanten Stakeholder der Fahrradwirtschaft zusammenzubringen.

towards tomorrow – European Bike Show: Was die neue Messe plant

Die wichtigsten Fakten zur neuen Messe auf einen Blick:

Veranstalter: Koelnmesse GmbH Branchenpartner und Markeninhaber: ZIV – Die Fahrradindustrie Premiere: 6. bis 8. September 2027 in Köln Format: reine Fachmesse, kein Publikumszugang Rhythmus: jährlich Hinter der Dachmarke steht die ZR GmbH, eine Tochtergesellschaft des ZIV

Das Konzept ist eindeutig: towards tomorrow richtet sich ausschließlich an Handel, Industrie, Zulieferer und Dienstleister – Endverbraucher haben keinen Zutritt. Das unterscheidet die neue Messe grundlegend von der bisherigen Eurobike-Praxis, die Endkunden bislang zumindest am letzten Messetag eingelassen hat.

Der Standort Köln wurde in einem formellen Ausschreibungsverfahren des ZIV vergeben, bei dem auch Stuttgart, Berlin und München als Kandidaten im Rennen waren. Köln setzte sich durch – unter anderem dank der modernisierten Messehallen in ICE-Bahnhofsnähe am Kölner Deutz sowie der langen Tradition als Fahrrad-Messestadt. Von 1962 bis 2009 fand in Köln die IFMA statt – die damalige internationale Weltleitmesse der Zweiradbranche. Die Koelnmesse knüpft bewusst an diese Tradition an.

Bernhard Lange, ZIV-Präsidiumsmitglied und CEO der Paul Lange GmbH, formulierte den Anspruch klar: Die Branche brauche eine globale Leitmesse, und diese solle im wohl wichtigsten Fahrradmarkt der Welt, in Deutschland, stattfinden. Die towards tomorrow solle vom deutschen Handel über europäische und internationale Player genau das Netzwerk abbilden, das die globale Fahrradwirtschaft heute sei.

Der Fahrplan bis zur Premiere 2027

Die neue Messe wartet nicht auf ihren eigentlichen Start, um Präsenz zu zeigen. Das Projektteam aus ZIV und Koelnmesse hat bereits einen konkreten Fahrplan kommuniziert:

9. September 2026: Offizielles Kick-off-Event für Aussteller und Medien in Köln. Vorregistrierungen sind bereits möglich unter show.twrds.com.

5. November 2026: Cycling Industry Convention in Berlin – vormals bekannt als Vivavelo – wird unter dem Dach der towards tomorrow-Marke neu aufgelegt, veranstaltet von VSF, ZIV und Vereinigung Zukunft Fahrrad.

6. bis 8. September 2027: Premiere der towards tomorrow – European Bike Show in Köln.

Eurobike reagiert: Neuausrichtung und Zweijahrestakt

Die Eurobike hat auf die Entwicklungen mit eigenen Ankündigungen reagiert. Eurobike-Chef Philipp Ferger gab auf der Eröffnungs-Pressekonferenz der 34. Eurobike zwei wesentliche Änderungen bekannt:

Erstens wechselt die Eurobike ab 2027 zurück auf den klassischen Herbsttermin. Als erster Termin gilt der 1. bis 3. September 2027 – drei Tage statt bisher vier. Zweitens findet die Eurobike ab 2027 nur noch alle zwei Jahre statt. Der nächste reguläre Termin nach 2027 wäre demnach 2029. Dazu zieht die Messe auf das stadtnähere Areal im Osten des Frankfurter Messegeländes um und verzichtet künftig vollständig auf Endkundenangebote.

Philipp Ferger beschrieb das Ziel so: Die Branche brauche einen starken internationalen Treffpunkt für persönliche Begegnung. Deshalb entwickle die Eurobike ihr Profil als führende europäische B2B-Plattform konsequent weiter – fokussierter und näher an den Bedürfnissen der Aussteller und Fachbesucher.

Der Wortlaut trifft sich auffallend mit der Sprache aus Köln – beide Messen kämpfen nun um dasselbe Fachpublikum mit nahezu identischer Argumentation.

Frankfurt gegen Köln: Ein Zweikampf mit offenem Ausgang

Was sich im September 2027 abzeichnet, ist ein direkter Messekampf. Die Eurobike findet vom 1. bis 3. September in Frankfurt statt, towards tomorrow vom 6. bis 8. September in Köln – beide im selben Monat, beide mit dem Anspruch, die führende B2B-Plattform der Fahrradwirtschaft zu sein.

Für Hersteller und Händler bedeutet das im ersten Jahr erheblichen Aufwand. BICO-Chef Georg Wagner hat bereits signalisiert, dass die Verbände eine pragmatische Lösung entwickeln wollen, damit Aussteller und Besucher beide Formate nutzen können. Ob das in der Praxis funktioniert, bleibt abzuwarten.

Die strukturellen Stärken liegen auf unterschiedlichen Seiten. Frankfurt hat Tradition, internationale Bekanntheit und die Infrastruktur einer etablierten Weltmesse. Köln hat den Verband, den Handel und einige der wichtigsten Industrieakteure hinter sich – und dazu eine Messehalle in Gehweite zum ICE-Bahnhof, die als eine der modernsten in Europa gilt.

Für Branchen-Veteranen hat der Wechsel nach Köln eine zusätzliche Symbolik: Bevor die Eurobike in Friedrichshafen zur Weltleitmesse wurde, war Köln mit der IFMA das unangefochtene Zentrum der internationalen Fahrradwelt. 2009 fand die IFMA dort zum letzten Mal statt. Nun kehrt die Fahrradindustrie an den Rhein zurück.

Was bedeutet das für den Markt?

Der Konflikt zwischen Eurobike und ZIV ist nicht nur ein Streit um Messeflächen. Er spiegelt tiefere Spannungen in der Fahrradbranche wider: zwischen Masse und Fokus, zwischen breiter Öffentlichkeitsarbeit und gezieltem B2B-Geschäft, zwischen Frankfurter Internationalität und einem stärkeren Rückbesinnen auf europäische Industrieinteressen.

Der Markt selbst befindet sich ohnehin in einer schwierigen Phase. In Deutschland wurden laut ZIV im vergangenen Jahr 3,8 Millionen Fahrräder verkauft, der Umsatz lag bei 5,85 Milliarden Euro – nach Jahren des Booms hat sich die Nachfrage normalisiert, Überbestände aus der Pandemie-Zeit werden abgebaut, schwächere Anbieter scheiden aus.

In diesem Umfeld braucht die Branche eine funktionierende Plattform mehr denn je – einen Ort, wo Handel, Hersteller und Zulieferer Verträge schließen, Trends setzen und Innovationen zeigen. Ob diese Plattform künftig in Frankfurt oder Köln liegt – oder ob beide nebeneinander bestehen –, wird sich im September 2027 entscheiden.

Fazit: Eine historische Weichenstellung

Die Gründung der towards tomorrow – European Bike Show ist mehr als ein Messewechsel. Sie ist ein klares Votum der wichtigsten Akteure der deutschen und europäischen Fahrradwirtschaft für ein neues Format – fokussierter, branchengesteuerter, ohne Publikumslärm.

Für die Eurobike ist es eine ernste Herausforderung. Mit 800 statt 1.500 Ausstellern, ohne die Handelsverbände und ohne den Rückhalt des ZIV ist der Anspruch als Weltleitmesse schwer aufrechtzuerhalten. Der Schritt zur reinen Fachmesse im Zweijahrestakt ist eine Reaktion auf die Realität – keine Stärke.

Radmap.de beobachtet die Entwicklung und berichtet weiter, sobald neue Details zu Ausstellern, Programm und Konzept der towards tomorrow bekannt werden.