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Bosch stellt ersten Nabenmotor vor: Die Hub Line läutet eine neue E-Bike-Ära ein

Bosch war jahrelang Marktführer bei Mittelmotoren – einen Nabenmotor gab es nie. Das ändert sich jetzt mit der Hub Line: kompakt, leicht und fast unsichtbar im Hinterrad versteckt. Was die Neuheit kann und warum sie den Markt für urbane E-Bikes verändern könnte

Von Redaktion radmap.de21. Juni 20269Quelle · heise online, electrive.net, SAZBike, velobiz.de, Nimms Rad, Puls Magazin
Bosch stellt ersten Nabenmotor vor: Die Hub Line läutet eine neue E-Bike-Ära ein
Foto: Bosch eBike Systems

Bosch eBike Systems hat sich über die Jahre zum unbestrittenen Marktführer bei E-Bike-Mittelmotoren entwickelt. Was bislang im Portfolio fehlte, war ein Nabenmotor. Genau diese Lücke schließt der Konzern jetzt: Mit der Hub Line bringt Bosch seinen allerersten Hinterrad-Nabenmotor auf den Markt – speziell entwickelt für leichte, urbane E-Bikes, die auf den ersten Blick kaum noch als motorisierte Räder zu erkennen sind.

Warum ausgerechnet jetzt ein Nabenmotor?

Die Frage liegt nahe: Warum entwickelt der Platzhirsch bei Mittelmotoren überhaupt einen Nabenmotor? Claus Fleischer, der den neuen Antrieb in Hamburg vorstellte, beantwortete das selbst mit einer einfachen Begründung: Der Nabenmotor passe perfekt zu einem urbanen Lebensstil und einer jüngeren Generation von Radfahrern.

Tatsächlich ist Bosch mit diesem Schritt kein Pionier, sondern reagiert auf einen bereits etablierten Markt. Hersteller wie Mahle, Bafang oder Ampler bedienen das Segment der leichten Stadt- und Lifestyle-E-Bikes mit Nabenmotoren bereits seit Jahren erfolgreich. Auch Marken wie VanMoof und der belgische Hersteller Cowboy setzen auf diese Antriebsart. Mit der Hub Line steigt Bosch nun selbst in dieses wachsende Segment ein – und bringt dabei sein bekanntes, gut ausgebautes Servicenetzwerk mit.

Die technischen Daten der Hub Line

Der neue Nabenmotor wurde konsequent auf geringes Gewicht und kompakte Bauweise optimiert. Die wichtigsten Eckdaten:

Gewicht: 2,3 Kilogramm Durchmesser: rund 100 Millimeter Drehmoment: 45 Newtonmeter Spitzenleistung: 400 Watt (bei einer Nenndauerleistung von 250 Watt) Entkopplung: vollständig ab 25 km/h

Damit bewegt sich der Bosch-Motor im für Nabenmotoren üblichen Leistungsbereich. Zum Vergleich: VanMoof setzt bei seiner aktuellen Generation auf einen besonders starken 68-Nm-Motor, während im Raleigh One ein schwächerer 35-Nm-Antrieb steckt. Die Hub Line von Bosch positioniert sich also im soliden Mittelfeld – mit dem Anspruch, durch Verarbeitungsqualität und Service zu überzeugen.

Sitzt der Motor erst einmal zwischen Scheibenbremse und Zahnkranz im Hinterrad, bleibt er nahezu unsichtbar. Genau das war erklärtes Entwicklungsziel: ein E-Bike zu bauen, das nicht mehr wie ein E-Bike aussieht.

PowerTube 360: Der bislang schlankste Bosch-Akku

Gemeinsam mit dem neuen Motor stellte Bosch auch einen passenden Akku vor – den PowerTube 360. Mit nur 6,8 Zentimetern Durchmesser ist er der bisher schlankste Akku im gesamten Bosch-Sortiment. Das ermöglicht eine besonders unauffällige Integration ins Unterrohr, sodass Fahrradhersteller maximal schlanke Rahmen gestalten können.

Die Kapazität von 360 Wattstunden soll laut Bosch in der niedrigsten Unterstützungsstufe Reichweiten von bis zu 80 Kilometern ermöglichen. Damit ist der Akku zwar kein Langstreckenläufer, für den klassischen Stadteinsatz – tägliches Pendeln, Erledigungen, kurze bis mittlere Strecken – aber völlig ausreichend dimensioniert. Mit einem Gewicht von rund 2,1 Kilogramm bleibt auch der Energie- speicher angenehm leicht.

Ob der Akku fest in den Rahmen integriert oder herausnehmbar verbaut wird, bleibt den jeweiligen Fahrradherstellern überlassen.

Flexible Schaltungslösungen: Vom Singlespeed bis zur Zwölfgang-Kassette

Ein wichtiger Vorteil der Hub Line ist ihre offene Auslegung in Sachen Antrieb. Bosch hat den Motor so konzipiert, dass er sich mit verschiedenen Schaltungs- systemen kombinieren lässt – von puristischen Singlespeed-Aufbauten mit Riemenantrieb bis zu klassischen Zwölfgang-Kettenschaltungen über eine Shimano-HG-Kassettenaufnahme. Ein SRAM-XD-Driver ist zum Marktstart noch nicht vorgesehen, könnte je nach Nachfrage aber folgen.

Für urbane Räder bietet sich vor allem die Kombination mit einem Riemenantrieb an, da dieser deutlich wartungsärmer ist als eine klassische Kette. In Zusammenarbeit mit dem Getriebespezialisten Universal Transmissions hat Bosch zusätzlich eine Zweigang-Lösung entwickelt, die sich direkt mit der Hub Line kombinieren lässt: ein Gang zum Anfahren und für Steigungen in der Stadt, der zweite für die gewünschte Reisegeschwindigkeit. Anders als bei vergleichbaren Lösungen etwa von Bafang sitzt das Getriebe hierbei nicht in der Nabe selbst, sondern direkt daneben. Der Gangwechsel erfolgt manuell per Daumenschalter.

Steuerung und Bedienung: Minimalistisch und unsichtbar

Auch bei der Bedienung setzt Bosch auf Zurückhaltung. Zur Wahl stehen ein kompakter LED-Controller, der über farbige Leuchten Ladestand und Unterstützungsstufe anzeigt, sowie ein neues, minimalistisches Display namens Intuvia 200 mit monochromem 2,4-Zoll-Bildschirm für alle, die mehr Information wünschen.

Der Motor selbst unterstützt in drei klassischen Modi – Eco, Tour und Sport – oder lässt sich über eine Automatikfunktion situationsabhängig regeln. Wie von den bekannten Bosch-Mittelmotoren gewohnt, lässt sich auch die Hub Line über die zugehörige App personalisieren; dieselbe App liefert künftige Software-Updates.

Abgerundet wird das neue Portfolio durch eine weiterentwickelte Generation des Bosch ConnectModule, das als digitaler Diebstahlschutz fungiert.

Erste Fahrräder mit dem neuen Antrieb

Mehrere namhafte Hersteller haben bereits zum Marktstart E-Bikes mit der Hub Line angekündigt, darunter Canyon, Gazelle, Moustache und Nicolai. Besonders auffällig ist das neue Canyon Roadlite:ON CF: Ein urbaner Carbon-Singlespeeder mit Riemenantrieb, der bei nur 13,9 Kilogramm Gewicht zu den leichtesten E-Bikes mit Bosch-Antrieb überhaupt zählt. Das Design lehnt sich optisch an Canyons Rennrad Aeroad an; ein charakteristischer Knick im Oberrohr soll das Schultern im Treppenhaus erleichtern. Serienmäßig kommt das Rad mit Ständer und Beleuchtung, optional sind Schutzbleche mit integrierten Aufnahmen für Gepäckträgertaschen erhältlich. Der Preis liegt bei 2.999 Euro.

Im ersten Fahreindruck zeigt sich der 45-Nm-Motor unauffällig, aber präsent: In der Automatikstufe schiebt er kontrolliert und spürbar kräftig an, dabei mit einem dezenten, hochfrequenten Surren. Kleinere Steigungen bewältigt der Antrieb mühelos – für längere, steile Passagen ist die Kombination aus Singlespeed und Nabenmotor allerdings nicht die optimale Wahl. Dank der hohen Übersetzung erreicht man im Flachen zügig Geschwindigkeiten über 25 km/h, bei denen sich der Motor vollständig entkoppelt und das Rad sich wie ein klassisches Fahrrad ohne Tretwiderstand fahren lässt.

Auch der Moustache-Hersteller hat ein entspannteres Cruiser-Modell mit der Hub Line vorgestellt – ein Hinweis darauf, dass Bosch den neuen Motor bewusst breit positioniert, von sportlich-urban bis komfortabel-gemütlich.

Teil einer größeren Bosch-Offensive für 2027

Die Hub Line ist nicht die einzige Neuheit, die Bosch für die kommende Saison angekündigt hat. Parallel hat der Konzern auch ein Performance-Upgrade für seine etablierten Performance-Line-CX-Mittelmotoren der fünften Generation vorgestellt: Das maximale Drehmoment steigt dort von bisher 100 auf 120 Newtonmeter, die Unterstützung auf bis zu 600 Prozent. Diese zusätzliche Kraft soll allerdings nicht dauerhaft anliegen, sondern situationsabhängig zur Verfügung stehen – etwa für kurze, kräftige Antritte oder steile Anstiege.

Zusammen mit neuen Akkus und erweiterten Diebstahlschutzfunktionen stellt sich Bosch eBike Systems damit für die Saison 2027 deutlich breiter auf als in den Vorjahren – und positioniert sich nicht mehr nur als Spezialist für kraftvolle Mittelmotoren, sondern als Komplettanbieter für nahezu jedes E-Bike-Segment.

Fazit: Ein kluger Schachzug für den Stadtmarkt

Mit der Hub Line schließt Bosch eine der letzten Lücken im eigenen Antriebs- portfolio. Für Fahrradhersteller bedeutet die Neuheit mehr gestalterische Freiheit: schlankere Rahmen, geringeres Gewicht und E-Bikes, die optisch kaum noch von klassischen Fahrrädern zu unterscheiden sind. Für Käufer urbaner E-Bikes verspricht der neue Antrieb ein dezentes, aber zuverlässiges Fahrerlebnis – verbunden mit dem gewohnt guten Bosch-Servicenetzwerk, das viele Wettbewerber im Nabenmotor-Segment bislang nicht bieten konnten.

Ob sich die Hub Line gegen etablierte Anbieter wie Mahle oder Bafang durchsetzen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die ersten Modelle von Canyon, Gazelle, Moustache und Nicolai sind jedenfalls ein starkes Signal dafür, dass die Fahrradindustrie dem neuen Bosch-Antrieb einiges zutraut.